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Bibliotheca Augustana

Nr. 32 / 2005  

Resümee:  Lesefassungen historischer Texte in zahlreichen Sprachen (u. a. Latein, Griechisch, Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch) werden in ansprechender Gestaltung im Internet bereitgestellt.
URL:  http://www.fh-augsburg.de/~harsch/augustana.html
Kategorie:  Digitale Editionen

Als Literaturlabyrinth zum Streunen und Stöbern, als Textgarten zum Schweifen und Schmökern, als virtueller hortus conclusus mit subliminaler "tolle, lege"-Anmutung: So ließe sich die "Bibliotheca Augustana" charakterisieren, die seit 1997 von Ulrich Harsch, einem mittlerweile emeritierten Professor für Kommunikationsdesign und Elektronisches Publizieren im Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Augsburg, zusammengetragen wird. Dass am Anfang der Aufbau einer lateinischen Textsammlung im Mittelpunkt stand, kann man heute noch der Tatsache entnehmen, dass Besucher in lateinischer Sprache begrüßt (Ad lectorem) und auf Neuigkeiten hingewiesen werden (Quid novi?). Im Laufe der Zeit wurden zahlreiche weitere europäische Sprachen in die Bibliothek aufgenommen, so dass heute auch griechische, deutsche, englische, französische, italienische, spanische, polnische, russische und jiddische Texte zu finden sind. Diese Erweiterung des Sprachenspektrums geht einher mit einer chronologischen Expansion der "Bibliotheca Augustana", die - trotz eines weiterhin gegebenen Schwerpunkts im Bereich des Altertums - auch Texte der Frühen Neuzeit und des 19. und 20. Jahrhunderts umfasst.

Wendet man sich auf der Startseite der Bibliotheca Latina zu, werden mehrere Zugangswege offeriert: Zum einen eröffnet der index alphabeticus den einfachen Zugriff über Autorennamen, zum anderen führt der Link index chronologicus zu einer nach Epochen geordneten Übersicht der verfügbaren Texte. Im Rückgriff auf eine altbewährte Strategie des Wissensmanagements ("haec bibliotheca est omnis divisa in partes tres") werden Texte des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit in eigenen Gruppen zusammengestellt. Schaut man sich unter den Autoren der "latinitas classica" um, so findet man hier u. a. Livius, Ovid, Vergil und Vitruv. Klickt man den letztgenannten Namen an, gelangt man zu einer kurzen biographischen Beschreibung, einem Link zu dem digitalisierten Werk ("opus"), sowie zu weiteren Links ("secundaria"), die auf ergänzende Materialien verweisen. Bei dem hier präsentierten Werk handelt es sich um die bis in die Neuzeit hineinwirkenden "De architectura libri decem", die bandweise im lateinischen Volltext abgerufen werden können. Bei den "secundaria" handelt es sich zum einen um externe Links, zum anderen um einen Verweis auf die fontes, die der digitalen Fassung zugrunde liegen. Im vorliegenden Fall werden nicht weniger als sieben Editionen aus den Jahren 1487 bis 1976 aufgeführt, ohne dass kenntlich gemacht würde, welche Ausgabe der digitalen Fassung zugrunde gelegt wurde. Da viele der in der "Bibliotheca Augustana" versammelten Texte auf diese Weise präsentiert werden und keine Faksimiles der verwendeten Ausgaben verfügbar sind, stellen diese digitalen Fassungen keine zitierfähige Alternative zu Druckausgaben dar.

Steuert man die lateinischen Texte der Neuzeit an, stößt man in der Liste für das 16. Jahrhundert z. B. auf Erasmus von Rotterdam, Conrad Peutinger, Martin Luther und Thomas Morus. Während das "Laus stultitiae" des Erasmus als Beispiel für einen Text dienen kann, der auf der Basis einer oder mehrerer gedruckter Editionen eigens für die "Bibliotheca" erstellt wurde, stellt die "Utopia" des Thomas Morus ein Exempel für den Rückgriff auf bereits anderenorts in digitaler Fassung vorliegendes Material dar: Zum einen wurde hier das Oxford Text Archive genutzt, zum anderen sind Ergänzungen zu finden, die auf der Basis des in den digitalen Sammlungen der UB Bielefeld enthaltenen Utopia-Drucks erstellt wurden. Ein Vergleich der Bielefelder und der Augsburger Fassung lässt die Grenzen, aber auch die Stärken der "Bibliotheca Augustana" deutlich hervortreten: Während die Bielefelder digitalisierte Version aufgrund der Faksimilierung zitierfähig ist, fehlen in der Augsburger Fassung die Seitenzahlen. Umgekehrt dürften die meisten Interessenten die ansprechend aufbereitete Ausgburger Präsentation im Vergleich mit der Bielefelder Faksimileversion als leichter lesbar bewerten.

Hat man sich zurück zur Startseite begeben, lassen sich von dort aus auch die anderen Sprachabteilungen erkunden: In der "Bibliotheca germanica" finden sich z. B. Schillers "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?", Gedichte aus der Feder von Friedrich von Logau, und zahlreiche Schriften von Leibniz. Die "Gallica" enthalten - neben Verweisen auf die gleichnamigen digitalen Sammlungen der Bibliothèque nationale de France - u. a. die "Déclaration des droits de la femme" von Olympe de Gouges, Voltaires "Dictionnaire philosophique, portatif" und Fénelons "Les aventures de Télémaque". Andere Abteilungen wie die "Bibliotheca italica" oder die "Bibliotheca hispanica" sind noch sehr dünn besetzt. Eine Suchfunktion wird leider nicht angeboten, so dass die Besucher der Webseite sich allein auf browsendem Wege orientieren können. Dabei macht sich störend bemerkbar, dass die unpraktische Navigationslösung die Bewegung zwischen Teilen des Gesamtangebots erschwert. Andererseits mag gerade diese komplexe Struktur der "Bibliotheca Augustana" die Freude am Herumstöbern befördern. Auch wenn es sich bei den hier verfügbaren Texten nicht um wissenschaftliche Editionen handelt: Zu anregenden Leseerlebnissen kann diese Webseite allemal verhelfen.

[Gregor Horstkemper, 8. August 2005]

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